zurück
Nadia Rouhani ·
Stefan Werner
Friedbergstraße 19 ·
14057 Berlin ·
Fon 030/327 037 20 ·
Fax 030/327 037 21
Nadia Rouhani/Stefan Werner ·
Friedbergstraße 19 ·
14057 Berlin
An das
Bezirksamt Charlottenburg von Berlin
Abt. Bauen, Wohnen und Verkehr
Stadtplanungsamt
Otto-Suhr-Allee 100
10585 Berlin
Einwendungen
Zum Planfeststellungsverfahren
für die Grunderneuerung der S-Bahn Berlin S3
Zoologischer Garten – Berlin Wannsee,
Planungsabschnitt 2
Berlin, 19. Dezember 2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
unsere Einwendungen zum o.g. Planfeststellungsverfahren
ergeben sich aus unserer persönlichen Betroffenheit und führen
uns zu den abschließend ausgeführten Forderungen.
Vorbemerkung
Wir sind 37 und 36 Jahre alt und leben
mit unseren heute drei und fünf Jahre alten Kindern Konstantin und
Jan Lukas im Wohngebiet westlich des Stuttgarter Platzes. Wir zogen vor
vier Jahren hierher und entschieden uns damals ganz bewusst gegen ein Leben
in den grüneren Stadtvierteln Frohnau oder Lichterfelde. Gerade angesichts
der Tatsache, daß wir uns tagtäglich mit den beiden Kindern
in einem relativ überschaubaren Radius bewegen würden, erschien
uns diese Wohngegend - trotz ihrer innerstädtischen Lage und trotz
der hohen Miete, die wir hier zu zahlen haben – attraktiv: die vielgepriesene
Großzügigkeit und Urbanität des Öffentlichen Raumes,
hier finden wir sie, - und zugleich nachbarschaftlich funktionierende,
intakte Sozialräume, die auch das Leben mit Kindern in diesem Bereich
attraktiv machen. Dies zeigt sich an einer relativen Dichte von Menschen
in vergleichbarer Lebenslage: Familien mit kleinen Kindern und einer entsprechenden
Infrastruktur an Kinderläden, Kinderplätzen und sonstigen Einrichtungen.
Das eigene Haus im Grünen, der eigene Garten, erschien so verzichtbar.
Dennoch bleibt die Frage nach dem "guten
Leben" mit Kindern für uns aktuell; wir verspüren als Eltern
beständig auch Zweifel, ob sie mitten in der Großstadt mit ihren
Zumutungen an Verkehr und schlechter Luft, Dreck und unwirtlichen Ecken
glücklich sind und welche anderen Bedingungen unseren Kindern freiere
Bewegung und mehr Selbständigkeit gestatten würden. Insbesondere
in den Sommermonaten empfinden wir die Einschränkungen der Großstadt.
Aus vielen Gesprächen mit anderen Müttern und Vätern wissen
wir: diese Frage stellen sich die allermeisten Eltern kleiner Kinder. Und
tatsächlich ziehen ja auch eine Reihe von ihnen raus aus der Stadt.
An diesem Punkt nun verletzt und empört
uns die Planung der Deutschen Bahn AG: Sie verletzt uns, weil wir durch
die vorgesehenen Maßnahmen unsere Wohnortwahl zu überdenken
gezwungen sind, und dies betrifft nicht mehr allein unsere erwachsenen
sozialen Bindungen, sondern vor allem auch die Bindungen der Kinder. Die
Planung empört uns hinsichtlich ihrer inhaltlich mangelhaften Rechtfertigung
und auch hinsichtlich des formalen Vorgehens, insbesondere der ausbleibenden
Kommunikation seitens der verantwortlichen Behörden und Politikern
gegenüber uns Bürgern.
Persönliche Betroffenheit
Die Planungsunterlagen der Bahn selbst
räumen erhebliche a) baubedingte Belastungen und b) dauerhafte, nicht
auszugleichende Beeinträchtigungen unseres unmittelbaren Wohnumfeldes
durch die vorgesehenen Bauvorhaben (Grunderneuerung der S-Bahn und Verschiebung
des S-Bahnhofes Charlottenburg) ein:
-
Baubedingte Belastungen
-
Baubedingt ist über einen Zeitraum
von drei (!) Jahren mit Lärm und Erschütterungen, Staub und Schmutz
am Bahndamm, Lärm und Abgasen durch schweren Baustellenverkehr sowie
einer grundsätzlich verschlechterten Umweltsituation durch den Verlust
vieler Bäume und bahnbegleitender Vegetation zu rechnen. Die Großbaustelle
wird täglich in unseren Alltag hineinregieren und unser Lebensgefühl,
bislang an diesem Wohnort geborgen zu sein, erschüttern: Den Baustellenbetrieb
werden wir Tag und Nacht hören, unsere Wohnung hat einen langen Seitenflügel,
der am zur Rönnestraße hin geöffneten Innenhof gelegen
ist. Küche, Schlaf- und
Kinderzimmer liegen im Seitenflügel.
Schon heute fängt sich hier der Schall von den S-Bahngleisen. Die
Holtzendorffstraße überqueren wir täglich mehrfach; sie
wird die hintere Rönne- als Baustraße "bedienen"! Unser großer
Sohn wird im nächsten Herbst schulpflichtig: Wir erwägen die
Anmeldung in der Halensee-Grundschule, doch würde dann sein Schulweg
direkt über die Großbaustelle (Holtzendorffbrücke; betonierte
Auffahrt auf den Bahndamm vor dem Haus Rönnestraße 14) führen.
- Nicht zuletzt wird sich die jetzt schon angespannte Parkplatzsituation
dramatisch zuspitzen: wir weichen heute schon häufig auf die Rönnestraße
als Parkraum aus.
-
Belastungen und Beeinträchtigungen
werden wir auch am anderen Ende spüren: Der Spielplatz an der Windscheidstraße/Stuttgarter
Platz wird während der Bauzeit, insbesondere im Sommer, wenn er wegen
seines Wasserspiels attraktiv ist, nicht mehr zu nutzen sein (Staub. Lärm,
Abgase, Schmutz, Erschütterungen). Der Bauzaun kann hier keine Abhilfe
schaffen. Zusätzlich wird die Kabelbrücke, welche über die
Windscheidstraße geführt werden und auf dem Spielplatz (!) verankert
werden soll, die Bewegungs- und Spielmöglichkeiten der Kinder beeinträchtigen,
vom möglichen Elektrosmog ganz zu schweigen! Noch eine Ecke weiter
wird der Stuttgarter Platz selbst zum Zentrum der Abholzung und der Baulogistik.
-
Zusätzlich wird mindestens ein Jahr
lang Schienenersatzverkehr grundsätzlich ein Mehr an Autoverkehr in
unserem Wohngebiet bedeuten, das wir spätestens in der Kantstraße
spüren werden.
-
Der so weitgehende Verlust des bahnbegleitenden
Grüns, die bedenkenlose Abholzung mehrerer hundert an diesem Ort unersetzlicher
Bäume wird eine gravierende Verschlechterung der Luft zur Folge haben.
Was wird dies insbesondere für die Kinder bedeuten – und dann noch
im Sommer bei Sommersmog und erhöhter Ozonbelastung? Sie sind am anfälligsten
für Allergie- und Atemwegserkrankungen. Dies wird uns Eltern in unserer
Verantwortung für das Wohlergehen unserer Kinder psychisch belasten.
-
Dauerhafte Beeinträchtigungen
-
Nach Beendigung der Bauphase wird unser
Wohnumfeld dauerhaft durch den Wegfall der Vegetation gezeichnet, durch
eine Stahlstützmauer und durch die Lärmschutzwände anstelle
des Grüns zerschnitten sein. Von einer nachhaltigen Beeinträchtigung
des Landschafts- und Ortsbildes spricht die Bahn in ihren Unterlagen. Wir
nennen das großflächige Stadt(teil-)zerstörung: wir werden
unseren Wohnort nicht wiedererkennen!
Und wofür das alles?
Damit wir am Ende auch noch den westlichen
S-Bahnzugang an der Windscheidstraße verlieren werden. Der nächstgelegene
Eingang wird uns und unsere dann auch selbständig werdenden Kinder
entlang des Rotlichtmilieus am Stuttgarter Platz bis zur Kaiser-Friedrich-/Lewishamstraße
führen. Oder, was kaum besser ist, entlang des von Trigon für
diese Platzhälfte des Stuttgarter Platzes geplanten großflächigen
Einzelhandels: d.h. er führt vorbei an einer kalten Fassade, der Fußweg
wird von Tiefgaragenzufahrten bzw. von Zuliefer- und Müllentsorgungszufahrten
zerschnitten werden. Unseren S-Bahnzugang müssen wir uns – irgendwie??
aber wie genau wird trotz zweier, nicht einmal parallel laufender Verfahren
(Bebauungsplan- und Planfeststellungsverfahren) nicht ersichtlich!!
– im Zusammenhang mit dem von Trigon geplanten 20-geschossigen Hotelturm
vorstellen.
Wir halten die Argumentation der Planrechtfertigung
durch die Deutsche Bahn AG für unschlüssig und schließen
uns in dieser Hinsicht der Sammeleinwendung der unmittelbar betroffenen
Anwohner, vertreten durch Herrn RA Karsten Sommer, sowie den Einwendungen
von Herrn Bernd Breitkopf, Fahrgastbeirat Charlottenburg bzw. Herrn Prof.
Ulrich Knauer, "Pro Bahn" an, insbesondere hinsichtlich
-
der "Umklappung des S-Bahnhofes Charlottenburg"
Hierzu stellen wir zunächst
fest: die Fahrgastprognosen insbesondere der Umsteiger zwischen U7 und
S-Bahn sind bislang nicht veröffentlicht und auch in den ausgelegten
Unterlagen der Deutschen Bahn AG nicht enthalten. Um eine verbesserte Anbindung
zwischen S-und U-Bahn, die wünschenswert ist, zu erreichen, ist es
nicht zwingend, den bestehenden S-Bahnhof "umzuklappen" bzw. das
Empfangsgebäude an seiner jetzigen Stelle abzureißen. Die verbesserte
Anbindung, gerade auch unter Berücksichtigung der Regionalbahnanbindung,
ließe sich schonender und kostengünstiger erreichen durch eine
versetzte Verlängerung und Verschiebung der S-Bahn- und Regionalbahngleise
in östliche Richtung auf der vorhandenen Bahndammkrone! Sogar die
Einhaltung der vom Senat vorgegebenen 80m als maximaler Entfernung zwischen
den beiden Verkehrmitteln S-und U-Bahn ließe sich auf diese Weise
realisieren; zu schaffen wäre ein neuer Abgang auf die östliche
Teilfläche des Stuttgarter Platzes. Bei dieser Gelegenheit wäre
der Durchstich des Tunnels zur Gervinusstraße wünschenswert.
Diese Lösung hätte neben dem Kostenargument weitere bedeutende
Vorteile: Der westliche Zugang an der Windscheidstraße, der einen
großen Einzugsbereich (auch in Richtung Ku´damm anschließt)
hat, ließe sich auf diese Weise offen halten. Der Bahnbetrieb
müsste wäre der Bauzeit nicht unterbrochen werden. Einziger
Nachteil einer alternativen Lösung, die das Bahnhofsempfangsgebäude
an seiner jetzigen Stelle belässt, es modernisiert und behindertengerecht
ausstattet: die Grundstücksverwertung durch die DB-Immobilien-Tochter
wäre grundsätzlich erschwert und konkret die – sehr umstrittene
und auch von uns abgelehnte - Bebauungsplanung von Bezirk und Trigon-Unternehmensgruppe
gefährdet. Wir meinen: Bürgerinteressen gehen vor Verwertungsinteressen!
-
der "Grunderneuerung der S-Bahn" in
diesem Planabschnitt
Ein 90-sec-Takt, der allenfalls zu
Spitzenzeiten gefahren werden wird, war auf dieser Trasse auch in den 1930er
Jahren schon möglich. Er ist auch heute möglich dank neuester
Signaltechnik. Des weiteren ist auch der Verkehrsabfluß aus einem
vollen Olympiastadion bereits heute gewährleistet; heute schon sind
Überkapazitäten in der Zugfolge gegeben; der bald geschlossene
Nordring eröffnet die Möglichkeit eines Shuttle-Betriebes zum
Westkreuz. Aber auch im vorhandenen Gleisbett des S-Bahnhofes Charlottenburg
ließe sich das Betriebsprogramm Olympiastadion-Verkehr abwickeln
(s. hierzu ausführlich die Einwendung von Herrn Breitkopf.)
Fazit und Forderungen
-
Als Eltern und mithin gesetzliche Vertreter
unserer Kinder erinnern wir die verantwortlichen Stellen von Bezirk, Senat
und Deutscher Bahn AG mit Nachdruck an die besonderen Schutzpflichten des
Staates gegenüber unseren Kindern. Die Belange unserer Kinder, die
Summe negativer Folgen durch die vorgesehenen Maßnahmen scheinen
in den bisherigen Planungen sowohl der S-Bahn als auch der bezirklichen
Bebauungsplanung für den Stuttgarter Platz (Trigon) überhaupt
nicht berücksichtigt! Und dies gilt insbesondere für die Zusammenschau
beider Planungsverfahren!
-
Wir weisen darauf hin, daß Charlottenburg
bereits heute ein erhebliches Defizit an Freiflächen und insbesondere
ein Spielplatzflächendefizit von 60 (!) % hat. Der Verlust eines so
stark genutzten und beliebten Spielplatzes wie dem an der Windscheidstraße
ist nicht auszugleichen. Kinder benötigen Sozial- und Lebensräume,
besonders in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, die Orientierung und Bindungen
gewähren. Bei unseren Kindern handelt es sich um Kindergartenkind
und demnächst um einen Grundschüler – beide werden allmählich
selbständig. Bei jedem Schritt in jede Richtung von der Wohnung droht
nun Verlust der bislang vertrauten Umgebung - und durch Baustellenbetrieb
auch reale Gefahr Diese absehbaren Zumutungen schmerzen uns als Eltern.
-
Wir möchten an dieser Stelle festhalten,
daß uns kein Verantwortlicher von Bezirk oder Senat, geschweige denn
von der Deutschen Bahn hierzu bislang öffentlich Rede und Antwort
gestanden hätte. Die Informationspolitik der Behörden geht über
das formal durch die beiden Verfahren Gebotene nicht hinaus. Dies ist unverständlich
und nicht hinnehmbar angesichts der Dimensionen der Beeinträchtigungen
und Folgen der Planung für unsere Kinder und unsere Lebensbedingungen
mit Kindern in der Innenstadt. Unverständlich und nicht hinnehmbar
auch angesichts wohlfeiler politischer Bekenntnisse, die Stadt und insbesondere
auch Innenstadtlagen wir unsere als Wohnstandorte für junge Familien
erhalten zu wollen. Wir fordern daher eine "Kinderverträglichkeitsprüfung"
– im Interesse der Zukunft dieser Stadt! Wann endlich reflektieren die
zuständigen Planer den dramatischen demographischen Wandel, in dem
wir uns befinden?
-
Wir fordern eine stadtverträgliche
Verkehrsplanung, die insbesondere Rücksicht darauf nimmt, daß
es unsere Kinder sind, die jede Verschlechterung der Luft und des Mikroklimas
austragen müssen - mit zahlreicher Allergieneigung und Atemwegserkrankungen
(zusätzlicher Sommersmog, Ozonwerte)! Unser Wohnbereich ist ohnehin
schon durch hohe Abgaswerte vorbelastet und nicht umsonst weist das Landschaftsprogramm
(LaPro) von 1994 unser Wohnquartier als Vorranggebiet für den Klimaschutz
aus: d.h. es fordert den Erhalt der klimatisch wirksamen Freiräume,
die Sicherung und Verbesserung des Luftaustauschs, die Vermeidung bzw.
den Ausgleich weiterer Bodenversiegelung!
-
Wir fordern einen schonenden Umgang mit
den vorhandenen Ressourcen! Der Bahndamm ist denkmalsgeschützt und
in seiner jetzigen Form sehr viel ansehnlicher als der geplante Neubau
mit seinen das Stadtbild und die Lebens- und Wohnqualität verheerenden
Folgen: Grünverlust Stahlstützmauern und Lärmschutzwänden!
Wir erwarten, daß die staatlichen Stellen, hier die Denkmalschutzbehörde
das schutzwürdige Gut auch tatsächlich schützen!
-
Wir fordern den Erhalt der jetzigen Bahndammkanten,
und damit den Erhalt des bahnbegleitenden, stadtbildprägenden Grünraumes!
Wir wenden uns dagegen, daß die Deutsche Bahn AG "Grundsanierung
der S-Bahn" mit "Abriß und Neubau" übersetzt!
-
Wir lehnen die von der DB geplante "feste
Fahrbahn" ab; ein solcher "Großversuch" entlang an der am dichtesten
bewohnten Bahntrasse Deutschlands ist nicht zu vertreten und schallschutz-technisch
kontraproduktiv. Wir fordern eine Gleisführung im Schotterbett.
-
Den Abriß des jetzigen S-Bahnhofsempfangsgebäudes
lehnen wir ab. Für eine verbesserte Anbindung zwischen S- und U-Bahn
ist der vollständige Abriß und Neubau der vorhandenen Gleisanlagen
nicht erforderlich. Es ginge auch schonender und kostengünstiger (s.o.
und s. auch die Einwendungen von Herrn Breitkopf und Herrn Wittwer).
-
Für die verbleibenden, notwendigen
Sanierungsarbeiten am Bahndamm fordern wir eine sensible, die angrenzende
Nutzung (Wohnen, Kinderspielplatz, Erholungsnutzung, Straßencafés)
berück-sichtigende Baulogistik!
-
Wir fordern als Steuerzahler die Offenlegung
der Kosten für dieses Bauvorhaben sowie eine detaillierte Darstellung
zu deren Finanzierung!
-
Wir bestehen auf einem Erörterungstermin!
Mit freundlichen Grüßen